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Arno Schmidt, immer noch einer der innovativsten Schriftsteller aller Zeiten und Völker. sein Werk, geprägt durch die Schreibmaschinen der Nachkriegszeit, Zettels Traum/Abend mit Goldrand geschrieben auf einer A3 Schreibmaschine; der Platz an dem ich schreibe, so heißt das von der Haffmann Stiftung herausgegebene "kleine Bändchen" mit 17 Texten Arno Schmidts; von 1947 bis 1979, also 32 Jahre, hat der Schriftsteller die Möglichkeiten und Grenzen mechanischer und elektrischer Schreibmaschinen ausgelotet; die häufig dreispaltig angelegten angelegten Textebenen, die verwandten Tabulatoren, Einrückungen und Einschübe, und natürlich die kaum vorstellbare Vielfalt von Zeichen, Sonderzeichen, Kombinationen, deren Multiplikationen, die aufgetretenen Fehler und deren Überschreibung (tipp ex wurde meines Wissens nicht verwendet) zeigen einen hoch konzentrierten Schriftsteller, dessen Tätigkeit man wie von ihm formuliert getrost als Handwerk bezeichnen kann. In 'Berechnungen', seiner ersten erläuternden Schrift über die Verwendung der Elemente Ort, Zeit und Handlung sowie deren Kombinationen zu Zeitmehrheiten, Handlungsmehrheiten und Ortsmehrheiten (die Schrift ging im Orignal verloren, es existiert jedoch eine Abschrift, angefertigt von Martin Walser) hinterfragt Arno Schmidt grundsätzlich die Genre des Schreibens, des Romans, der Erzählung etc., als Einheit der Handlung und der Zeit, aber mehrfach verschobener Orte, nennt er die Erzählform des Fotoalbums: „Goethe andererseits ht mit seinem üblichen formlosen Prosabrei alle Suturen verschmiert.) . . .es gibt gar keinen 'epischen Fluß'. Jeder vergleiche sein eigenes beschädigtes Lebensmosaik; die Ereignisse springen“. Bezüglich der Interpunktion hat der Schriftsteller das gesamte Spektrum der Möglichkeiten auf traditionelle Schreibmaschinen ausgelotet: Keile, Striche, Bogen, Punkte, Dehnungen, Hebungen und Senkungen etc. fragmente „§ 7 in Berechnungen(Ärmlich nebenbei noch; es wären neue, zu vereinbarende Zeichen, dem Schreibenden bitter not!).“ Wissenschaft, Technik und Innovation beim Schreiben - sicher hätte Arno Schmidt Freude daran in so einem riesigen und bislang unüberschaubaren medialen Areal wie dem Internet die Grenzen und Möglichkeiten auszuloten oder ausgelotet zu sehen. Allerdings steht die strenge Einteilung Arno Schmidts in den Wissenschaftler/ Geistesarbeiter/ Schriftsteller und das Volk zum Medium des weltweit verfügbaren und verwendeten Internets im Widerspruch. Wie auch immer man sich in dieser Frage positionieren mag, unbestreibar bleibt meiner Meinung, daß das Aufkommen und die Verwendung neuer Medien und Kommunikationsformen auch und besonders eine Herausforderung für Künstler sein kann, denn man sollte die jeweils neue Form nicht nur dem Zweckdienlichen überlassen. Unter diesem Gesichtpunkt sind künstlerische Betätigungsfelder auch im nachhinein mit Interesse zu resümieren: die Brief- und Postkartenkunst Mailart; das Aufkommen der Telefax geräte und Anrufbeantworter, das Sammeln von beschrifteten Schreibmaschinenbändern (z.B. bei Timm Ulrichs), die anfänglichen und inzwischen vollständig überwundenen Schwierigkeiten bei der Etablierung von Videokunst, die aktuelle Nichtexistenz brauchbarer E-Mail-Art.
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX natürlich stellt die Resistenz des Internetmediums gegenüber Anweisungen künstlerischer Gestaltung ein Problem dar. Diese Widerständigkeit der "Materie" ermöglicht, wie immer, auch neue Findungen und Erfindungen, in diesem Fall wohl eine Art "Neue Collage" und unmittelbare Interventions- und Kommunikationsmöglichkeit.

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