Hans

Hans war einen Tag älter als ich, und wir scherzten anlässlich unserer Geburtstage im August oft, dass ich ihn eines Tages überholen würde. Als es dann so weit war, hielt ich es für so abwegig, dass ich die Nachricht unseres gemeinsamen Freundes Patrick nicht verstand. In der Email schrieb er, Hans sei gestorben, und ich fragte mich, warum Patrick mir den Tod meines Schwiegervaters Hans mitteilt.

Das ist lange her, und einige Erinnerungen scheinen schon aussortiert, andere begleiten mich bis heute:

Es gab einen Augenblick in unserer Freundschaft, da hatte ich das Gefühl, wir wären unzerstörbar, unsterblich. Wir fuhren von einer gemeinsamen Veranstaltung in Krefeld nach Hause. Hans fuhr. Seinen Kadett C Coupé, ein Auto, das damals schon nicht mehr zu den aktuellen Modellen zählte, und mancher hätte es wohl klapperig genannt. Wir fuhren nachts auf der Autobahn über Eis, und der ganze Wagen polterte. Er wurde zu einer Trommel, in der wir saßen, und in deren unregelmäßigen Rhythmus wir unsere Worte einflochten. Mittags hatte ein plötzlicher Kälteeinbruch Heizungsrohre in meinem Atelier bersten lassen, und nun war der Schneematsch wieder hart gefroren. An diese Fahrt musste ich einige Monate später denken, in Nordtexas, nachts entlang der Maisfelder meilenweit über Kröten ratternd. In der Vorstellung, die Kröten seien Eis - obwohl Eis natürlich nicht hüpft - fuhr ich rumpelnd über den Highway; nicht so schnell allerdings wie Hans in jener Nacht. Ohne erkennbare Anzeichen von Vorsicht oder Angst steuerte er seine Blechkiste über das holprige Eis wie ein Bobfahrer. Es sei besser, so wenig Kontakt wie möglich mit dem Grund zu haben, sonst könnten wir ausrutschen, sagte er, und so flogen wir durch die eiskalte Dunkelheit über eine leere Autobahn.

Gemeinsame Wege irgendwohin, von irgendwo her und die letzte Stunde vor meiner Einfahrt in seinem Opel sitzend, redend, erst läuft noch der Motor für einige Minuten, dann machte er ihn aus, und nach einer Stunde verabschieden wir uns. Ich erinnere aber auch einen gemeinsamen Weg durch unsere Stadt, von einem Ende zum anderen, stundenlang zu Fuß, redend. Viele unserer Begegnungen waren unterwegs. Unterwegs, aber nicht en passant. Wir sind nicht den einen, gemeinsamen Weg gegangen, aber wir sprachen oft gemeinsam unterwegs über unsere Wege. In den 90ern. Hans hatte eine Art Leichtigkeit das Leben zu sehen, die sich immer - ausgesprochen oder nicht - mitteilte, die mir manches Mal half, mich aufmunterte.

Was Hans mit seiner Kunst gelang, was er durch sie schuf, strahlte von dieser Leichtigkeit. Mit Leichtigkeit konnte er Menschen berühren, weil er selber berührt war, weil er staunte - über den Klang der Welt. In seinen Solo Performances - Sangschlag nannte er sie - spielte er mit den Klängen seiner Requisiten, neben dem Drumset brachte er Gegenstände wie Wassertöpfe und Kinderspielzeug zum klingen, verwandelte sich selbst in sein Instrument, das singen und schlagen, das tanzen konnte, und dann konnte er abheben, weil er geerdet war in einer tief empfundenen Musikalität. Das Leichte ernst nehmen, das konnte Hans, und er arbeitete ernsthaft dafür; wo wir herkommen, sagt man hart.

Zuletzt sollten sich unsere Wege eigentlich in Japan treffen, 2005 in Tokyo; nicht, weil wir irgendwann gemeinsam Hiragana gelernt hatten - unser Projekt, Japanisch mit Lernkassetten zu lernen, blieb in den Anfängen stecken - sondern, weil ich glaubte, seine damalige Band "Furiopolis" bei einem großen Event im Rahmen des Deutschlandjahres, vermitteln zu können. Wir hatten uns darauf gefreut, doch wurde mein Vorschlag abgelehnt. Hans starb, als ich mich mitten in fürchterlichen, außergerichtlichen Verhandlungen mit meinen Vertragspartnern in Tokyo befand, um zu verhindern, dass diese eine komplette Ausstellung mit Werken meiner Künstlerfreunde ins chinesische Meer kippen. Natürlich: Auch Furiopolis wären um ihre Gagen geprellt worden, aber wer weiß, was geschehen wäre, wenn Hans und seine Band in diesem Herbst in Tokyo gestrandet wären.

Eine Erinnerung an den Schlagwerker und Performer Hans Jürgen Kanty (1964 -2005), aufgeschrieben im Januar 2023
von Christoph Platz

 

Hans Kanty Seite

eine Geschichte über Hans, PDF Version

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